Pressekonferenz Dresden

Sternstunde des Schulschachs

Auf  einer Pressekonferenz am Rande der Schacholympiade in Dresden trafen sich einige der führenden Vertreter des Schulschachs, um den Dresdner Schach-Appell zu unterstützen und die Botschaft an die Schulen der Welt zu richten. Alle Teilnehmer betonten den großen Nutzen des Schachspiels als einen integralen Bestandteil der Lern- und Freizeitkultur in Deutschland und weltweit.

 

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Teilnehmer der Konferenz waren (v.l.n.r.)
Alexander Wild (Südtiroler Landesmeister 2000, und vom CONI - FSI anerkannter Jugendtrainer), Cor van Wijgerden (ehem. Nationaltrainer der Niederlande und Begründer der Stappenmethode), als Vertreter der Deutschen Schachstiftung Matthias Dräger (Stiftungsvorstand) und Detlef Koch (Stiftungsrat und Lizenztrainer des Deutschen Schachbundes) Dr. Ernst Bönsch (ehem. Nationaltrainer der Deutschen Nationalmannschaft und Fachautor des Standardwerks der Trainerausbildung) und Dr. Marion Bönsch-Kauke (Dozentin und Publizistin zahlreicher Schriften zur Psychologie des Spiels)

 

Dr. Marion Bönsch-Kauke und Dr. Ernst Bönsch in einer gemeinsamen Stellungnahme:

 

„Die Zeit ist reif!“, so die Privatdozentin in Berlin Dr. phil. habil Marion Bönsch-Kauke, „Klüger durch Schach“ in allen Bildungsinstanzen mit dem Schwerpunkt Schulschach verantwortlich durchzusetzen. Zentren der Schulschachinitiative der Deutschen Schachstiftung sollten jene Städte sein, in denen die  Schulschachbewegung durch jahrzehntelange Bemühungen – wissenschaftlich- kulturpolitisch - sportlich – wurzelt: Berlin, Dresden, Hamburg, Leipzig, Lübeck und München.

 

Schwärmerische Bekundungen und halbwissenschaftliche Studien gibt es zwar zu Hauf im Umlauf, aber beklagenswerter Weise sind sie trotz Wohlwollens und Engagement kaum ausgereift und auch nicht zentriert auf die wesentlichen Schwerpunkte der persönlichen und sozialen Entwicklung durch Schach als pädagogisches Instrument!, betont die Dozentin für Sozial-, Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin. Dieser Einwand trifft auch für verbreitete Schachlehrmaterialien zu, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist, sondern die nur zweckvoll (pragmatisch) gehandhabt werden.

 

Kaum existieren Pläne für Erkundungsstudien über die Entwicklung der schachlichen Spielfähigkeit, wie sie sich rationell ausbilden lässt und wie der Transfer auf Lebensfelder, Lernerleichterung und Entwicklungsbewährung zu inspirieren ist. 

In den Ausbildungsgängen ist nicht nur der schachfachlichen, sondern vornehmlich der pädagogisch-psychologischen Qualität des Unterrichts und den spielerischen Übungen hohe Aufmerksamkeit zu zollen. Außerdem können Lehrer und Lehrerinnen sowie Eltern und andere Bezugspersonen mit den Schulkindern lernen. Erfahrungsgemäß überwinden sie damit ihre Scheu, ihr intellektuelles Ansehen zu verlieren und überwinden verkrustete Denk- und Erziehungshaltungen. Lehrbeauftragte.

 

Zu klären ist noch, in welcher Form das Schachspielen willkürlich und unwillkürlich, methodisch und spontan, als reguläres oder wahlobligatorisches Schulfach zu „unterrichten“ ist: Spielen lernen – Spielen lehren? Dr. Ernst Bönsch ehem. Nationaltrainer der Deutschen Nationalmannschaft und Fachautor des Standardwerks der Trainerausbildung und Dr. Marion Bönsch-Kauke favorisieren ein systematisch aufbereitetes und methodisch fundiertes Lehren und Lernen!

 

 

Detlef Koch, Lizenztrainer des Deutschen Schachbundes und Lehrer für Schach an zwei Lübecker Grundschulen in einer kurzen Stellungnahme zum Thema Schach als Schulfach:

 

Schach repräsentiert sich heute vorwiegend noch als Leistungs- und Vereinssport, wo jeder vom Hobbyspieler bis zum Spitzensportler eingeladen ist, sich schachlich zu betätigen. Rekrutiert aus der Schulschachbewegung, der Öffentlichkeitsarbeit der Vereine und den Schachschulen sind die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in der sportlichen Idee des Spiels vereint, in dem sie ihr erwähltes Hobby betreiben.

 

Wenn Schach aber als Schulfach eingeführt werden soll, muss es auch die Kinder begeistern können, welche vielleicht nicht das „Schachgen“ haben. Der spiel- und sozialpsychologische Wert des Spiels ist viel zu hoch, als dass man einen großen Teil der Schüler davon ausschließen sollte. Der Unterricht an den Schulen darf nicht so sehr den Wettbewerbsgedanke und die schachsportliche Leistung als Erfolgsfaktor in den Vordergrund stellen. Schulfach Schach muss durch sorgfältig abgestimmte Methoden zum Vermittler von Werten und Fähigkeiten genutzt werden, die gleichsam in einer Transferleistung dem Kind die Möglichkeit geben, auch im Leben Fortschritte zu machen und sich ganzheitlich zu entwickeln. Hier wird Schach zum Therapeutikum der Nation. Gerade im Hochleistungsschach haben wir zahlreiche Beispiele für Menschen, die genau diese Ganzheitlichkeit in der Persönlichkeit vermissen lassen. So wird Schach leider immer wieder zum Negativbeispiel für kommunikationsgestörte, egozentrische und vom Konkurrenzgeist zerfressene Eigenbrödler – das will niemand für seine Kinder. Es ist hier wichtig zu erkennen, dass das Schachspiel die eben genannten negativen Eigenschaften keinesfalls fördert oder generiert – es ist die charakterliche Disposition des Spielers, die Persönlichkeit des Lehrers oder die Art der Ausbildung, die hier als Ursache zu identifizieren ist.

 

Aus diesen Gedanken ergeben sich Konsequenzen, und es stellen sich folgende Fragen:

  • Wie muss eine Schachlehrmethode aussehen, die das Kind und seinen Kompetenzzuwachs in sozialer, psychologischer, mentaler und emotionaler Hinsicht in den Mittelpunkt stellt?
  • Welche Forschungen wurden dahingehend bisher unternommen und wie wurden sie umgesetzt?
  • Wann ist der entwicklungspsychologisch richtige Zeitpunkt für die entsprechenden Lerninhalte?
  • Wie stellen wir uns zur Leistungsbewertung (Lernzielkontrolle, Leistungsnachweise, Zeugnisse)?
  • Wie müssen die Ausbildungsprogramme an Akademien und Universitäten aussehen, um Trainer für Kinder und nicht „Nachwuchsgeneratoren für den Leistungsschachsport“ auszubilden? (Leistungssportnachwuchs ist höchst willkommen, ist aber nicht Teil dieses Programms!)
  • Welche Persönlichkeiten des Schachs können diesen neuen Ansatz glaubwürdig repräsentieren und ein Identifikationsmodell sein?

Cor van Wijgerden favorisiert fundiertes Lehren und Lernen

 

Familie Bönsch  und ich sind uns einig: Wir favorisieren ein systematisch aufbereitetes und methodisch fundiertes Lehren und Lernen!", so der Autor der bekannten Stappenmethode und ehem. Nationaltrainers der Niederlande Cor van Wijgerden.

Wenn man Schach als Schulfach durchsetzen möchte, dann muss man bestimmte Anforderungen an dem Lehrer stellen. Man kann sich nicht damit zufrieden geben, einfach drauflos zu unterrichten. Türschwellenpädagogik ist nicht das Mittel der Wahl!


Der Lehrstoff muss die entwicklungspsychologischen Grundlagen des Kindes als Grundlage erfolgreichen Lernens berücksichtigen. Die didaktische Auswahl (Das was unterrichtet wird) muss in gut aufbereiteten, aufeinander aufbauenden, didaktischen Bausteinen getroffen werden und den lernpsychologischen Prinzipien folgen (vom Leichten zum Schweren, vom einfachen zum Komplexen, etc.) Eine Ergebnissicherung durch kleine Tests und gezielte Lernzielkontrolle muss gegeben sein. Die Adaption des Unterrichts an die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Schüler muss möglich sein. Durch einen guten methodischen Unterricht lernt der Schüler  ein Hobby für seinen ganzen Leben! Er erwirbt neben Wissen auch echte Fähigkeiten, die er mit „nur spielen“ bei weitem nicht erreicht.

 

„Meine jetzige Erfahrung sagt mir, dass ein Jahr Schachunterricht reichen würde, um die gewünschte Transferleistung des Schachspiels auf andere Bereiche des Lebens zu übertragen. Mehr Erfahrung wäre wünschenswert aber alles steht und fällt mit der Persönlichkeit des Lehrers!“ so Cor van Wijgerden. Wir sollten aber nicht alles auf das Schachspiel projizieren – „Schach ist wichtig, aber kein Heilmittel gegen alles!“