Schule Marli Lübeck

Schach als Pflichtfach - eine Idee nimmt Gestalt an

Die ersten Schritte
Die Idee von Schach als Schulfach entstand im Jahre 2004, als ich dort zum ersten mal einen freiwilligen methodischen Schachunterricht an der Kaland-Schule und der Marienschule Lübeck anbot. Dies geschah damals noch im Rahmen einer AG, die Teil der Ganztagsschulangebote wurde. Konzeptionell aber war es von Anfang an ein methodisch aufgebauter Unterricht mit  Leistungsnachweisen, Lernzielkontrollen, einer sorgfältig abgestimmten didaktischen Auswahl, präsentiert durch geeignete Methoden. Für mich stellte sich sehr früh die Frage, welche Aufgabe mir als Lehrer jenseits der reinen Instruktion zukommt und wie Schach besonders auf junge Menschen wirkt. Meine tägliche Erfahrung im Klassenraum zeigte mir, dass schachliches Lernen weit über das reine schachliche Können hinausgeht und tiefen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder nahm. Menschliche Werte, die in jedem Menschen inhärent angelegt sind traten nun gleichsam in einen Interaktionsprozess mit dem Schachspiel. Als Beispiel sei hier, die dem Menschen eigene natürliche Haltung des Nichtverletzens genannt, welche mit dem Wunsch zu gewinnen kollidiert. Beides miteinander in Einklang zu bringen generiert eine Umgebung sozialen Lernens. Das beides in Einklang zu bringen ist, ohne die Maxime von Schachweltmeister Robert James Fischer „Du musst Deinen Gegner hassen“ zu adaptieren, zeigt unser Unterricht und sollte für die Art in der in Zukunft Schach unterrichtet wird wegweisend sein.


Weshalb eignet sich besonders Schach so gut zur Förderung der Schüler?
Schach hat neben dem hohen Imagewert auch einen „natürlichen Aufforderungscharakter“ und ist in seinem Potential ein ideales „Meta-Schulfach“, da es wissenschaftlich belegbar (siehe Studie Satka, Trier etc.) die Schulleistungskompetenzen nachhaltig erhöht. Der Aufforderungscharakter ist besonders stark durch die imaginative Erlebenswelt aus dem Formenkreis König mit Hofstaat, Ritter, Kampf, und Schicksalswendung gegeben. Daraus leitet sich aber auch eine geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bewertung und Annäherung an das Spiel ab. Z.B. haben Jungen bei der Umwandlung des Bauern auf der Grundreihe des Gegners fast ausschließlich die Dame als spielstärkste Figur gewählt, während die Mädchen oft Springer auswählten, weil diese „so niedlich/schön etc.“ waren. Schachspiel hat das Potential als Abbild unseres Lebens zu fungieren, es enthält genau die strategischen Elemente, welche die sinnvolle Lebensführung unterstützen, klug macht, Achtsamkeit und Konzentration fordert und fördert, und schöpferisch-originelles Denken begünstigt. Schach mobilisiert innovatives Denken und legt in den Kindern Kompetenzen an, welche sie benötigen, um Aufgaben, Maßnahmen und Tätigkeiten erfolgreich zu bewältigen, die eine umfassende, bereichsübergreifende und inhaltlich weit reichende Veränderung zur Umsetzung von neuen Strategien, Strukturen, Systemen, Prozessen oder Verhaltensweisen benötigen. Kurz gesagt es fördert fast alle Formen der Intelligenz. Schach stärkt die Anstrengungsbereitschaft und trainiert psychische Stabilität, da es im Wettkampf die Kinder dazu zwingt, sich mit erlebten Gefühlen (Triumpf, Freude, Angst, Trauer, Zorn, Mitgefühl etc.) auseinander zu setzen und ggf. unter Anleitung des Lehrers werteorientierte Strategien zu entwickeln neue Erkenntnis zur eigenen Transformation zu nutzen.

Die Eckdaten des Projektes ab Sommer 2006

Phase 1:
Das Projekt begann im Jahre 2006 mit einer ersten Klasse auf der Basis von Freiwilligkeit und wir begannen mit 15 Kindern. Als auch den Eltern durch eigene Anschauung deutlich wurde, dass es sich dabei um einen methodischen Unterricht handelte und nicht um eine Schachspiel-AG, in der die Kinder sich unter Anleitung des Lehrers zum Schachspielen treffen, haben sich viele Eltern (mit Recht) wegen der hohen Kosten beschwert, weil sie es als ein elitäres Angebot sehen mussten, was ärmere Kinder sofort ausschloss. In der Lehrerkonferenz habe ich damals das Konzept dann noch einmal vorgestellt und das Lehrerkollegium erfuhr zum ersten Mal, welchen Umfang und Tiefgang das Projekt hatte. Es wurde allen sehr schnell klar, dass der Preis auf der einen Seite mehr als angemessen war, aber auf der anderen Seite es dringend nötig wurde, das Projekt finanziell niederschwellig zu halten, damit die Chancengleichheit gewahrt bliebe. Dann haben sich die Entwicklungen innerhalb kurzer Zeit überschlagen und das Projekt wurde von Lisa Dräger (Ehefrau des Industriellen Dr. Heinrich Dräger) gestützt und später dann durch die Deutsche Schachstiftung (DSS) als Hauptsponsor getragen. Ich übernahm die Leitung der Deutschen Schachstiftung in Lübeck, und Herr Matthias Dräger als Stiftungsvorstand stellte das Projekt auf eine solide finanzielle Grundlage. Unser Zusammentreffen war wie das Schließen eines Stromkreises - plötzlich war alles möglich.
 
Phase 2: (November 2010)
Die Dom-Schule Lübeck steht im November 2010 per Konferenzabfrage zu 100% hinter dem Projekt und ist auch bereit gemeinsam unter Berücksichtigung der Interessen aller Parteien (Träger, Eltern, Lehrer, Schulleitung und Schüler) das Projekt weiterzuführen und dem Ziel „Schach als Regelschulfach“ näherzubringen. Es hat inzwischen eine Zusammenarbeit mit der Christian
Albrechtsuniversität Kiel begonnen, die unter der Leitung von Professor Brinkmann (Fachbereich Pädagogik) einen Schulversuch anstrebt.

Phase 3: (April 2011)

Die Dom-Schule Lübeck gibt die Staffel an die Schule Marli ab und Schach wird ein Pflichtfach im Vorlauf zum Schulversuch. Zurzeit werden ca.120 Kinder der zweiten und dritten Jahrgansstufe (zwei 3. Klassen & drei 2. Klassen). Im Schuljahr werden ca. bis 150 Kinder der zweiten und dritten Jahrgansstufe (drei 3. Klassen & drei 2. Klassen) unterrichtet werden. Der Unterricht ist für die Eltern natürlich kostenfrei.

Wie oft finden Wettbewerbe statt? Wer darf mitfahren?
Wir fördern Leistungsbereitschaft und nicht Ehrgeiz. Kinder nehmen an der Landesschulschachmeisterschaft teil und jeder darf daran teilnehmen. Es findet auch das Schule Marli Turnier statt.

 

 Das Leistungsprinzip kann nur dann eine Bereicherung sein, wenn es von dem Drang des eingebildeten Ich-Gefühls befreit, nicht ständig versucht dem Selbst durch den Triumpf über andere einen „Mehrwert“ zu verschaffen. Das wahre Selbst ist erhaben und groß in sich selbst und braucht keine eitlen Triumphe.

 

 

Was ist die Philosophie?
Die Philosophie des Projektes begründet sich in der Annahme, das Schach als Spiel eine Vielfalt an Lern-und Erlebens- und Erfahrungsprozessen auslöst, welche das Kind dazu herausfordern sich mit sich selbst, seiner Umwelt und seinen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Dabei sehen wir Schach als Meta-Schulfach welches die Kinder ganzheitlich in ihren Schulleistungskompetenzen fördert. Dabei stehen soziale Fähigkeiten als auch die Fähigkeit im Kopf zu arbeiten im Vordergrund.

Der Schachunterricht vermittelt als Metaschulfach Wissen und Können, vielseitige Fähigkeiten und Einstellungen. Dies schließt die Entwicklung und Schulung von Schlüsselqualifikationen ein, die den Bereichen Wahrnehmung und Begriffsbildung, Charakterbildung, Handlungserfahrungen und Modellbildung sowie formalem Denken zugeordnet werden können.

Welche Ziele werden mit dem Projekt verfolgt?

  • Charakterbildung
  • Steigerung der Schulleistungskompetenz
  • Unterstützung sinnvoller Lebensführung
  • Förderung biopsychologischen Potentials
  • Achtsamkeit
  • Steigerung der Konzentrationsausdauer
  • Anregung zu schöpferisch-originellem Denken
  • Innovatives Denken
  • Erhöhung der Anstrengungsbereitschaft
  • Stärkung der psychische Stabilität
  • Förderung geistiger Beweglichkeit

Ausblick


Schach repräsentiert sich heute vorwiegend noch als Leistungs- und Vereinssport, wo jeder vom Hobbyspieler bis zum Spitzensportler eingeladen ist, sich schachlich zu betätigen. Rekrutiert aus der Schulschachbewegung, der Öffentlichkeitsarbeit der Vereine und den Schachschulen sind die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in der sportlichen Idee des Spiels vereint, in dem sie ihr erwähltes Hobby betreiben. Wenn Schach aber als Schulfach eingeführt werden soll, muss es auch die Kinder begeistern können, welche vielleicht nicht das „Schachgen“ haben. Der spiel- und sozialpsychologische Wert des Spiels ist viel zu hoch, als dass man einen großen Teil der Schüler davon ausschließen sollte. Der Unterricht an den Schulen darf nicht so sehr den Wettbewerbsgedanke und die schachsportliche Leistung als Erfolgsfaktor in den Vordergrund stellen. Das Schulfach Schach muss durch sorgfältig abgestimmte Methoden zum Vermittler von Werten und Fähigkeiten genutzt werden, die gleichsam in einer Transferleistung dem Kind die Möglichkeit geben, auch im Leben Fortschritte zu machen und sich ganzheitlich zu entwickeln.

  • Aus diesen Gedanken ergeben sich Konsequenzen, und es stellen sich folgende Fragen:
  • Wie muss eine Schachlehrmethode aussehen, die das Kind und seinen Kompetenzzuwachs in sozialer, psychologischer, mentaler und emotionaler Hinsicht in den Mittelpunkt stellt?    Welche Forschungen wurden dahingehend bisher unternommen und wie wurden sie umgesetzt?
  • Wann ist der entwicklungspsychologisch richtige Zeitpunkt für die entsprechenden Lerninhalte?
  • Wie stellen wir uns zur Leistungsbewertung (Lernzielkontrolle, Leistungsnachweise, Zeugnisse)?
  • Wie müssen die Ausbildungsprogramme an Akademien und Universitäten aussehen, um Trainer für Kinder und nicht „Nachwuchsgeneratoren für den Leistungsschachsport“ auszubilden? (Leistungssportnachwuchs ist höchst willkommen, ist aber nicht Teil dieses Programms!)
  • Welche Persönlichkeiten des Schachs können diesen neuen Ansatz glaubwürdig repräsentieren und in Identifikationsmodell sein?


Wir sind auf dem besten Wege substanzielle Antworten zu finden. Bitte helfen Sie uns dabei!
 

Ihr Detlef Koch

Schachpädagoge